Über den Umgang mit Ehrdeliktstrollen

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Über den Umgang mit Ehrdeliktstrollen

Ungelesener Beitragvon Burning Becks » Di 13. Dez 2016, 01:09

Na, habt ihr vor einem halben Jahr auf Facebook einen Veganer ausgelacht, weil sein Auto Lederausstattung hat?
Oder einem Tempo-30-für-die-1000-Jahre-alte-Hauptverkehrsstraße Nimby Contra gegeben? Und jetzt gab's plötzlich einen bösen Brief oder die Vorwarnung des Admins eures Vertrauens?

Diese Abhandlung listet einige Aspekte des deutschen Rechtssystems mit Schwerpunkt auf den sog. „Delikten gegen die Ehre“ oder „Ehrverletzungsdelikten“ auf.
Sie basiert natürlich auch auf Erfahrungen, die im Umfeld dieses Forums gemacht wurden, hat aber keinen direkten Bezug. Alle Beispiele sind frei erfunden und dienen lediglich der Veranschaulichung.

Außerdem ist dies nur der Bericht eines interessierten Laien, der in der Metalszene viele Ansprechpartner für dieses Thema (Studenten, Absolventen etc.) gefunden hat.
Aber auch, wenn erstaunlich viele Metaller im Bereich "Jura" unterwegs sind: Im Zweifelsfall benötigt man aber immer einen ausgewiesenen Spezialisten (nicht nur Rechtsanwalt, sondern auch passender Fachanwaltstitel!), um richtig Kontra zu geben.

Trigger Warning:
Wer mit derber Ausdrucksweise nichts anfangen kann, sollte kein Heavy Metal hören und auch kein Heavy Metal Forum lesen, sondern kann sich direkt verpissen. ;-)
Außerdem erdreiste ich mich hier im generischen Maskulinum zu schreiben. (Bin jetzt Mitte 30 uns muss nicht mehr jeden Scheiß mitmachen.)

Wieso "trollen"?

Nicht der mythologische Troll, sondern "trolling with bait", also "Schleppangeln" ist gemeint.
Erst sucht jemand aktiv Streit, dann wird versucht möglicht großen Schaden anzurichten.

Gemeinsamkeiten
https://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur) hat geschrieben:Verhaltensmuster:
  • Trolle agieren absichtlich, wiederholt und schädlich (intentional, repetitive and harmful).
  • Trolle ignorieren und verletzen die Grundsätze der Community.
  • Trolle richten nicht nur inhaltlichen Schaden an, sondern versuchen auch, Konflikte innerhalb der Community zu schüren.
  • Trolle sind innerhalb der Community isoliert ...
Motivationen der Trolle:
  • Langeweile, Suche nach Aufmerksamkeit, Rache
  • Spaß und Unterhaltung
  • Wunsch, der Community möglichst großen Schaden zuzufügen.

Verallgemeinert man die Netz-"Community", ist die "Gemeinschaft" unseres Trolls schnell eine sehr viel größere Menschengruppe (hunderte von Ominvoren, Pendlern, Flüchtlingen, sogar die Bevölkerung ganzer Städte...)

Unterschiede

Die üblichen Netz-Trolle agieren aus der Anonymität heraus. Will man aber die Medien (und später die Behörden) mit einbeziehen, dann geht das natürlich nicht mehr.
Ein gewisses zusätzliches Maß an Eifer (z.B. Paternalismus gepaart mit Wutbürgertum) benötigt man also schon - reine Soziopathie und/oder Misanthropie reicht wahrscheinlich nicht.
Apropos Behörden: Die (und Konzerne sowieso) trollen ja lieber per Urheberrecht...
...aber nun dazu, wie man als Troll mit den Gummiparagraphen bzgl. der "Ehre" einer Person Schaden anrichten kann.

Was sind „Ehrdelikte“ überhaupt?

Mir geht es hier hauptsächlich um diese Paragraphen:
§ 185 StGB - Beleidigung
§ 186 StGB - Üble Nachrede
§ 187 StGB - Verleumdung
Die §§ 188 und 189 beziehen sich speziell auf Personen des politischen Lebens und Verstorbene, also lassen wir die hier weg. („Verunglimpfung des Bundespräsidenten“ auch.)

Höchst problematisch ist die „Beleidigung“, weil es sich um ein „Phantomdelikt“ handelt: Der Tatbestand ist nicht eindeutig definiert!
Bei übler Nachrede (unwissentliche Verbreitung von falschen Behauptungen) oder Verleumdung (wissentliche Verbreitung von falschen Behauptungen) ist das anders. Hier gilt es aber zwischen sog. "Tatsachenbehauptungen" und "Werturteilen" zu unterscheiden - und ggf. auch die Kernaussage vom Beispiel im Nebensatz zu trennen.

Das übergeordnete Thema ist „Meinungsfreiheit“ (eigentlich „Meinungsäußerungsfreiheit“) , ein deutsches Grund- und Europäisches Menschenrecht, das (zu Recht!) extrem schwer einzuschränken ist. Die Grenzen listet Wikipedia unter anderem hier auf:
  • der Schutz der persönlichen Ehre gegen Beleidigung oder Verleumdung,
  • die übermäßige Kritik an eigenen oder ausländischen höchsten Staatsvertretern wie Staatsoberhaupt, Gerichten oder manchmal selbst einfachen Beamten,
  • die Grenzen der Sittlichkeit und des Jugendschutzes,
...und IMHO gehört auch der sog. „Blasphemieparagraph“ § 166 StGB mit dazu.

Leider haben weder Böhmermann-Affäre / Erdowahn noch der Gummiparagraphen-Status der „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“ bisher nicht zu Abschaffung dieser beiden Relikte geführt.

Braucht man den § 185 StGB denn nicht als Handhabe gegen „Hate Speech“ im Internet, mögen sich manche fragen.
Zu denen gehöre ich nicht. Erstmal braucht man „Counter Speech“, wie z.B. die "Hooligans gegen Satzbau" es machen. Und dann greift bei Hassrede meist eine andere Grenze der Meinungsfreiheit: Volksverhetzung (§ 130 StGB).

Die Beleidigung nach StGB basiert eigentlich noch auf der mittelalterlichen Ständeordnung – jedenfalls kommt die „Ehre“, die im Zweifelsfall per Duell zu verteidigen ist, dorther.
Es geht also (neben der Einschränkung der Meinungsfreiheit) um Macht, Status und Privilegien - nicht etwa verletzte Gefühle.

Beleidigungen sind per definition "ehrenrührig", laut Wikipedia gilt „prinzipiell jede Äußerung, die geeignet ist, die Ehre eines Menschen zu verletzen“ als potenzielle Beleidigung.
Prost Mahlzeit! Ein gefundenes Fressen für geltungssüchtige Trolle (ugs. "Profilneurotiker").

Kleiner Exkurs zu den "verletzten Gefühlen": Der englische Sprachgebrauch ist hier treffender, also der deutsche.
"Offense is taken, not given" heißt es dort. Man lässt zu, dass man sich beleidigt fühlt!
Was ich ebenfalls bisher nicht auf deutsch gehört habe: "Announcing 'I'm offended' is basically telling the world you can't control your own emotions, so everyone else should do it for you." Wie wahr!
Und John Cleese: Political Correctness Can Lead to an Orwellian Nightmare anzuhören kann auch nicht schaden.
=> Es ist unglaublich, wie lange man an seinen Formulierungen feilt, wenn die eigenen Worte potenziell umgehend auf die Goldwaage gelegt werden.
Trolle hingegen argumentieren nicht solide - und das mit voller Absicht. Jedes Mal, wenn jemand sauber aufbereitet, warum eines ihrer vorgeschobenen "Argumente" nicht zieht, können sie sich über die verschenkte Lebenszeit ihres Opfers freuen.

Fazit:
Wer irgendetwas tut, das von einer anderen, lebenden Person als „ehrverletzend“ wahrgenommen werden kann (also de facto eigentlich jeder, der seine Meinung äußert) der kann unter den Verdacht geraten eine Straftat begangen zu haben.
Richtig: Eine Straftat – keine bloße Ordnungswidrigkeit.
Und jeder natürlichen Person, die Bürger dieser Republik ist, hat man ein (vermeintliches) Machtinstrument in die Hand gegeben, mit dem man ziemlich wahllos auf andere natürliche Personen einschlagen kann. (So sie denn einfach "wie gewohnt" diskutieren...)
Tja, der Holocaust war eben auch rechtskonform - was ethisch und moralisch zu rechtfertigen ist, steht auf einem anderen Blatt.

...und damit kommen wir zum möglichen Durchlauf durch die Instanzen, die uns Bürger hierzulande vor echten Straftätern schützen sollen.

Der worst case Ablauf eines Verfahrens wegen eines Ehdelikts – ohne eigentliches Ergebnis

Vorgeplänkel


Man tritt ständig Leuten auf den Schlips. Lässt sich wohl kaum vermeiden – selbst unter Geschwistern, Ehepartnern und Freunden. Im Internet, z.B. auf Facebook oder in Kommentarspalten geht das besonders gut, denn dort kennen wir „den blöden Wichser mit der Scheißmeinung da“ ja überhaupt nicht persönlich. Godwin's Law trifft zu, es gibt sogar einen vielsagenden Buchtitel zur Eskalationsgeschwindigkeit von öffentlichen Diskussionen.
Trotzdem gibt es auf Facebook keinen „Strafantrag stellen“ Button – denn normalerweise denkt man sich halt seinen Teil und schluckt den Ärger runter, wenn mal wieder jemand herumpöbelt. Oder man grinst einfach in sich hinein, weil dem Gegenüber ja offensichtlich die Argumente ausgegangen sind.
Wenn man lösungsorientiert denkt, also in der Diskussion überzeugen will, hat man ja auch generell wenig Interesse seinem Gegenüber pauschal vor den Koffer zu scheißen – dann beharrt der ja erst recht auf seinem Standpunkt. Und wenn irgendwann die Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden, dann hat man meist noch irgendwo einen Administrator oder Webmaster sitzen, der einschreiten kann. Wenn etwas aus dem WWW entfernt wird, kann zwar ein Streisand-Effekt ausgelöst werden, aber falls nur der Tonfall in einer hitzigen Debatte entgleitet, ist das höchst unwahrscheinlich.

Natürlich gibt es auch Menschen, die völlige Beratungsresistenz mit beeindruckenden Scheuklappen kombinieren.
Selbstreflexion? Fehlanzeige! Schuld sind IMMER die Anderen!
Konstruktive Kritik? Bei 90% Zustimmung? Gehr GAR NICHT! Alles unter 100% ist "nicht ernst genommen"!
Einstein ging sogar so weit zu sagen: „Der Horizont der meisten Menschen ist ein Kreis mit dem Radius 0. Und das nennen sie ihren Standpunkt.“
Bestes Beispiel sind wahrscheinlich die Latenznazis von AfD und PEGIDA, aber das ist so ausgelutscht, dass ich es kaum erwähnen mag.
Auch von Menschen, die sich ihren Job absichtlich als Autoritätsperson ausgesucht haben, statt sich Respekt ehrlich zu verdienen, fange ich lieber nicht an - es gibt in allen in Frage kommenden Berufsgruppen reichlich Personen, denen ich damit Unrecht täte.
Egal, was der Grund für die Debatte (Flüchtlingsheim, Autobahn, Sockenfarbe) war: Wenn sich solche Pappnasen dann auch noch auf einem persönlichen Kreuzzug befinden, dann haben sie es gewiss nicht mit Evelyn Beatrice Hall („Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“), sondern starten entweder selbst die Verbal-Stuka oder greifen zu anderen Mitteln...
...und handelt es sich um einen waschechten Troll, der seine Höhle sowieso verlassen hat, kann die „Beleidigung nach StGB“ incl. Schwesterparagraphen ins Spiel kommen.

Der Strafantrag

Ein reines "Antragsdelikt" wird nicht verfolgt, wenn es nicht angezeigt wurde. Der Strafantrag muß innerhalb 3 Monaten gestellt werden (was bei schriftlichen Aussagen ohne Lesebestätigung leider schon schwammig wird, denn der "Adressat" muss es auch mitbekommen).
Es gibt zwar auf Facebook keinen Strafantrag-Button, aber in manchen Bundesländern ist es tatsächlich möglich einen solchen Antrag bei einer „Online-Wache“ der Polizei zu stellen. Ansonsten reicht auch ein altmodischer Brief.
So kann sich der oben beschriebene Ehrdelikts-Troll nicht nur fühlen wie „Erdolf“ persönlich, sondern muss weder das Haus verlassen, noch Geld investieren.

Richtig gelesen: Das verpetzen bei der Polizei kostet NICHTS, man braucht nur einen Screenshot (ein Video, einen Zeugen, …) schreibt ein paar formlose Zeilen nieder.

=> ZACK ist das aus der Rechtslage gebastelte Machtinstrument gegen den Diskussionsgegner entfesselt und man muss sich nicht "mit so einem" auseinandersetzen. Oder auch nur mit "dessen" Admin. Diese Drecksarbeit darf schön die KriPo machen. (Die hat ja sowieso viel bessere Druckmittel.)
Ist aus Sicht des Trolls ja auch nur gerecht: Der hat seine Scheuklappen auf und hält diese Hominiden mit anderer Meinung ja sowieso für unwürdig (oder alternativ einfach nur für Opfer) und nicht etwa für potenzielle Familienväter, die nebenbei noch das Kinderzimmer zu renovieren haben, Menschen mit Pflegefall in der Familie, ehrenamtlich Engagierte, ...
Und die Krönung:
Es besteht ein Verdacht auf eine Straftat, also muss die Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleiten und damit die Kriminalpolizei beauftragen. Die KriPo darf so etwas auch nicht ablehnen – selbst, wenn die auch noch andere Straftaten (die diesen Status auch verdient haben) bearbeiten müssen.
So kann es schnell passieren, dass das Bielefelder KK 14 (Raub; Gewaltdelikte in der Öffentlichkeit; sonstige Kriminalität im Bereich Nord und Ost) sich mit „Beleidigung im Internet“ auseinandersetzen muss.

Nachteil für den Troll: Er kann sich nicht sofort einen drauf wichsen - denn die Durchlaufzeit kann schnell mal ein Jahr betragen. Wenn die Anschuldigungen derbe genug sind, der Verdacht besteht, dass jemand gedoxt wird und/oder der Troll vielleicht bei der Formulierung schon Hilfe von einem Experten hatte, kann es natürlich auch binnen weniger Wochen gehen...

Ein Kommissar muss sich nun auf die Suche nach Verdächtigen und/oder Beschuldigten begeben und Anhörungsbögen (oder -termine) verteilen.
Wozu?
Gute Frage! Denn sobald die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsergebnisse vorliegen hat, wird solch ein Verfahren, wenn es denn nicht „im öffentlichen Interesse“ ist, pauschal eingestellt und der Kläger auf den Privatklageweg verwiesen.
Wenn also jemand einen Anhörungsbogen als Beschuldigter bekommt und damit zum Fachanwalt für Strafrecht rennt, um sich dann erzählen zu lassen, was passieren kann (der Strafverteidiger muss schließlich auch seine Brötchen verdienen), dann hat er möglicherweise einfach nur das getan, was der Troll wollte. "Möglichst großen Schaden zuzufügen" kann schließlich auch Zeitverschwendung sein. (Vom psychischen Druck, den soetwas auf konstruktiv denkende, zur Selbstreflexion fähige Menschen ausübt, mal ganz abgesehen. Aber das interessiert den Troll ja nicht oder ist sogar Sinn der Sache.)

Auf dem Weg zum Verdächtigen oder Beschuldigten bekommt oft genug erst einmal ein Administrator Post. Die Behörden sind da nicht zimperlich und drohen pauschal mit Einzug sämtlicher PCs etc. pp.
Kollateralschaden. Nur eben nicht ganz so derbe, wie Kundus 2009.

Natürlich kann ein Staatsanwalt nach der Ermittlung direkt einen Strafbefehl erlassen – was aber wohl wirklich nur ein einer absolut eindeutigen Situation geschehen wird. Haldayn fre si du scheiser zeigt aber sowieso niemand an - darüber lacht man.
Zwischenmenschliche Kommunikation dürfte i.d.R. deutlich komplexer sein und eine Aussage aus dem Kontext zu reißen ist in diesem Fall nicht zulässig. Hinzu kommt, dass "in der öffentlichen Auseinandersetzung ... auch Kritik hingenommen werden (muss), die in überspitzter und polemischer Form geäußert wird, weil andernfalls die Gefahr einer Lähmung oder Verengung des Meinungsbildungsprozesses droht." (OLG Koblenz)
Gerade derjenige, der eine öffentliche Debatte anschiebt (wir erinnern uns: Trolle provozieren erstmal), muss sich selbst auch ein dickes Fell zulegen. Eigentlich.

Entscheidet, wenn ihr mal so einen Schrieb bekommen solltet, selbst, wie die Chancen stehen.
Man ist weder gezwungen zur Vernehmung zu erscheinen noch einen Bogen auszufüllen bzw. Stellung zu beziehen (jedenfalls, wenn der Anhörungsbogen von der KriPo kommt).
Was man definitiv tun kann, falls man Beschuldigter ohne eigenen Rechtsbeistand ist, ist „Auskünfte und Abschriften aus der Akte gem. § 147 Abs. VII StPO“ bei der Staatsanwaltschaft zu beantragen. Das ist keine „Akteneinsicht“ (die ist tatsächlich Anwälten etc. vorbehalten), hilft aber bei der Beurteilung der Lage.
Echte Akteneinsicht kostet Geld. Es gibt anscheinend Online-Kanzleien, die nur dies tun und nach dem verschicken der Scans ihr Mandat niederlegen - aber hier kommt bereits ein finanzieller Schaden durch den Troll zustande. Und noch hat der Troll selbst nichts bezahlt!

Warum man nicht einfach Stellung beziehen sollte

Vielleicht hattet ihr den ermittelnden Beamten kurz am Telefon, um Bescheid zu geben, dass ihr auf die Kopien der StA wartet und der Vernehmungstermin (falls es kein Anhörungsbogen, sondern eine Aufforderung zu erscheinen war) platzt. Scheint ganz OK zu sein, möglicherweise sogar auf eurer Seite.
Und die eigene Moralvorstellung gebietet es doch die im Strafantrag wahrscheinlich völlig überzogene und fehlerhafte Beschreibung der Situation klarzustellen.

FALSCH!

Um etwas klarzustellen, müsst ihr erst einmal eure Beteiligung bestätigen!

Jetzt denkt ihr bestimmt "Ist doch egal, wenn das Verfahren sowieso eingestellt wird. Und außerdem wäre es doch total blöd, wenn doch noch ein Strafbefehl erlassen wird, so wie es der Strafverteidiger an die Wand gemalt hat und man hat vorher noch nix gesagt..."

Es gibt aber mehr Optionen als Straf- und Zivilrecht.

Strafrecht:
Rahmt euch im Zweifelsfall den Strafbefehl ein und freut euch drüber, was für derbe Outlaws ihr seid. ;-)
...oder der Kläger wurde auf den Privatklageweg verwiesen.

Keine Sorge: Für einen Ehrdeliktstroll ist die Privatklage uninteressant.
Der Grund: "Für die Delikte nach §§ 123, 185–189, 202, 223, 229, 241 und 303 StGB (vgl. oben) ist vor Erhebung der Klage der Versuch der Sühne vor einer Vergleichsstelle zwingend erforderlich. Erst wenn der Sühneversuch gescheitert ist, darf dann die Privatklage erhoben werden (§ 380 StPO)." (Wikipedia)
=> Und ein klärendes Gespräch im Beisein eines ausgebildeten Schlichters kann nicht im Sinne eines Trolls / Wutbürgers auf Kreuzzug sein.

Zivilrecht:
Falls ihr eindeutig genug zu identifizieren wart, z.B. weil ihr doch eine Aussage bei der KriPo gemacht habt, dann ist der Troll ggf. noch nicht fertig mit euch, nachdem sein Gratis-Psychoterror unter unfreiwilliger Mithilfe von StA und KriPo per Verweis auf den Privatklageweg endlich abgeprallt ist.

Obwohl Abmahnungen dazu gedacht sind Prozesse zu vermeiden, kann man sie (leider!) immer noch verschicken, obwohl man gleich die Strafrechts-Karte gespielt hat.
Kein Wunder, wenn man sich vor Augen führt, was die meisten unserer Politiker für einen Werdegang haben - Ihresgleichen kann so eben eine Menge Umsatz machen.

Hierzu muss der Troll i.d.R. einen Anwalt einschalten, z.B. um via Akteneinsicht an die Adresse aus der vorangegangenen Ermittlung zu bekommen, hat aber auch eine größere Chance euch monetär zu schaden.
Profilneurotiker können gleich den (meistens sowieso schon aus dem beruflichen Werdegang verfügbaren) Fachanwalt für Arbeitsrecht beauftragen - um Normalos einzuschüchtern reicht der.
Für ein korrektes abkanzeln einer professionell geschriebenen Abmahnung bedarf es nämlich optimalerweise eines Fachanwalts für Urheber- und Medienrecht (keines klassischen Strafverteidigers), der in seinem Antwortschreiben dem Kollegen gleich eine Fülle von Referenzurteilen um die Ohren haut, warum es bei euch mal so gar nichts zu holen gibt. Und den 2h zu beschäftigen kostet dann.
Es kann durchaus Spaß machen einem solchen Experten zuzusehen, wie er das (meistens noch übler als der Strafantrag formulierte) Abmahnschreiben auseinander nimmt - aber solide Arbeit kostet.
BTW: Kontrolliert mal eure ggf. vorhandene Rechtsschutzversicherung, ob Strafvorwurf von Vorsatzdelikten / "Spezial-Straf-Rechtsschutz" vorhanden ist. Ehrdelikte kann man nur vorsätzlich begehen - und da halten sich viele Verträge pauschal raus.

Abschlusswort

Egal, was bei euch vorgefallen ist (ob tatsächlich etwas war, oder ihr euch nur für das Szenario interessiert) denkt daran: Irgendwann triff solch ein Troll auf den Falschen.
Es muss nicht einmal ein Outlaw-Biker sein (ja, auch die sind im Internet unterwegs).
Irgendwann ist ein vermeintliches Opfer vielleicht auch dem Druck von der Polizei und Staatsanwaltschaft als "Verdächtig" eingestuft zu werden nicht gewachsen, fühlt sich mit der Korrespondenz überfordert, traut dem Rechtssystem sowieso nicht...
...und scheißt auf die Konsequenzen. Ob das dann eher ein Ernst August von Hannover oder ein Varg Vikernes ist, das wird dann der Troll zuerst erfahren.

Und ihr habt hoffentlich längst mit der Sache abgeschlossen und lest es im Urlaub in der Zeitung.
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Re: Über den Umgang mit Ehrdeliktstrollen

Ungelesener Beitragvon derfloh » Di 13. Dez 2016, 12:46

Bin bei der Hälfte und muss sagen, netter Text! Den Rest lese ich später weiter. Danke Becks!
Möchte ich in diesem Zuge gerne noch anbringen: https://no-hate-speech.de/de/wissen/.
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Re: Über den Umgang mit Ehrdeliktstrollen

Ungelesener Beitragvon Burning Becks » So 18. Dez 2016, 23:05

Gerne!

derfloh hat geschrieben:Möchte ich in diesem Zuge gerne noch anbringen: https://no-hate-speech.de/de/wissen/.
=> Ich will jetzt keinen großen Exkurs in Richtung Online-Hetze anfangen, aber das bekam ich heute auf den Schirm:
http://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/mitte/21515850_Bielefelds-Politiker-werden-in-Hassmails-uebel-beschimpft-und-beleidigt.html
Klaus Rees (Grüne) [...] versucht wie Pirat Michael Gugat, sich nicht von den "unflätigen" Mails beeinträchtigen zu lassen. Gugat sagt, er werde weniger als Ratsherr, sondern wegen der Mitarbeit in der Initiative "Geflüchtete Willkommen in Bielefeld" attackiert. Er habe schon eine dreistellige Zahl an teils böswilligen, herabwürdigenden Beschimpfungen erhalten - meist verfasst im Schutz der Anonymität. "Ihr werdet alle auf die Fresse kriegen" steht da, Flüchtlinge werden als "Pack" oder "Kanacken" herabgewürdigt. Gugat sucht trotzdem den Kontakt: "Manche zucken dann zurück oder sind wenigstens zum Gespräch bereit."

...und auch hier ist das Fazit wieder: Wer wirklich etwas erreichen will, der kümmert sich persönlich (und schickt keine abstrakten Mechanismen vor).
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